Donnerstag, August 31, 2006

Evolution, verkürzte Darstellung

Früher war die Welt ja noch leer. Öd und leer. Da gab es fast gar nichts, nicht mal Familientherapie. Oder Liebe. Dabei wäre das dringend nötig gewesen, dass die sich rechtzeitig entwickelt hätten. Dann hätten wir den ganzen Schlamassel nicht, müssten uns nicht jeden Tag gegen uns selbst aufbäumen und könnten uns um was anderes kümmern, z. B. ums Glücklichwerden.

Meine Familie könnte eigentlich einem Psychologielehrbuch entsprungen sein. Der ältere Sohn versucht, wie sein Vater zu werden, übernimmt dessen Gestiken und Verhaltensmuster, insbesondere und fatalerweise auch die zur Konfliktbewältigung, studiert sogar das gleiche. Versucht sein ganzes Leben, die Zuneigung, Unterstützung und Anerkennung seines Vaters zu bekommen. Der Vater ist aber leider unfähig, Zuneigung oder Anerkennung auszudrücken, zieht sich auf die Versorgung mit Geld zurück, ist leichter für ihn. Denn er ist schonmal verletzt worden, hat im Krieg seinen Bruder verloren. Führt dazu, dass der seinem Vater folgende Sohn gelegentlich Geld als einzigen Lebenszweck sieht und nächtelang darüber Sorgen wälzt. Pech für den Älteren, der sich als zeitweise depressiver Querschläger entpuppt, in sich selbst gefangen.

Das jüngere Geschwisterchen geht, weil es den Highway to Hell des Älteren rechtzeitig erkennt, andere Wege, erfüllt stattdessen die andere Pflicht, das Leben, dass die Mutter sich immer gewünscht hat, studiert das, was sie immer gern wollte, versucht ihre Anerkennung und Liebe zu bekommen. Die stockkonservative Mutter ist aber leider unfähig, etwas anderes als kontrollierende, klammernde, erdrückende Liebe auszudrücken. Und zwar mit Geld. Geld ist ihr Kontrollmittel der Wahl, und sie ist zufrieden, so lange es halbwegs klappt. Sie kann nicht anders. Ihr Leben ist der Kampf, sie muss sich behaupten, muss sich durchsetzen. Wie damals, gegen viele Geschwister und einen brutalen Vater. So spielt die Mutter sogar ihre Kinder gegeneinander aus, die sich beide sehr über Job und Geld definieren. Den Trick hat sie von ihrer Stiefmutter. Sie hofft, durch ihre Kinder zu leben, aber sie weiß nicht wie. Auch dieses Geschwisterchen hat keine Chance: Entmutigt, konservativ und wütend überschreibt Mutters Lieblingskind seine Seele einem Verein, der für Geld tötet.

Auch das Verhältnis zu Geschwisterchens Bruder ist nicht immer einfach. So kämpft es lange gegen den viel älteren an, misst sich mit ihm, bis es einen Weg findet, ihn auszustechen. Doch der Ältere nimmt ihn gar nicht als Gegner wahr, denn Kampf interessierte ihn nie. Was das Geschwisterchen noch wütender macht, denn auch hier bekommt es wieder die eigentlich verdiente Anerkennung nicht. Weil der Ältere Anerkennung nicht ausdrücken kann, wie der Vater, der bis heute auf einen falschen Thron gehoben wird, und der sich immer raushält.

Ich habe gerade erst angefangen zu lernen, und der Weg nach Süden ist noch weit. Komm heil wieder, Wildgans!

Kommentare:

mcwinkel hat gesagt…

Groß_ar_tig!

Meine ich ernst und sage es nicht nur, um aufzuzeigen, dass es gar nicht so schwer ist, Anerkennung auszudrücken.

morticia hat gesagt…

...*schluck*... die nüchterne betrachtungsweise zu behalten wenn man eigentlich "drin"steckt ist nicht die einfachste übung. cool geschrieben. ...*schluck*...

F hat gesagt…

MC, dann müsste ich es nur noch annehmen, gell?

Morticia, ich bin schließlich perfekt. Immer.

Ami hat gesagt…

einmal mit dem lernen angefangen, kann es nur besser werden und der weg immer leichter. ich spreche aus erfahrung, meine familiengeschichte gestaltet sich auch nicht als die einfachste. schwierig ist nur eins: wenn sich niemand sonst in der familie auf den weg macht....

texas-jim hat gesagt…

Beim Lesen Telefonklingelnleuchtenrattern.
Feeling Kiel, now. Feeling very Kiel.

dickesf hat gesagt…

jetzt hast Du ja die Möglichkeit es besser zu machen und dem Nachwuchs die richtigen Werte zu vermitteln und ganz viel Liebe und Anerkennung zu geben, wenn Du es richtig machst erhältst Du mehr zurück.

morticia hat gesagt…

muahaha, ich möchte ihre adeptin sein!

Ebola hat gesagt…

Level42 - Running in The Family. Schöner Refrain.

Anonym hat gesagt…

kann mich nicht erinnern, dich je als gegner gesehen zu haben. und außerdem habe ich keine gegner, sondern nur opfer bzw. patienten. und das mit dem tötenden verein steht ja paradoxerweise zu meiner funktion als lebensretter in weiß. was zu diskutieren wäre. was wiederum in die faimile passt. komisch...

F hat gesagt…

Muss ja nicht alles stimmen hier. Ist nur ein Wandgemälde, eine Konstruktion, ein Erklärungsmodell.

Fräulein Wunder hat gesagt…

steht "f" für "Freud" bei Ihnen?

antiteilchen hat gesagt…

Sie haben die Mechanismen, wie Macht in dieser Familie funktioniert, nur zu gut erkannt. Knacken Sie dieses System aus Verdrängung und emotionalen Missbrauch, folgt entweder die Aufarbeitung oder Sie sind in dieser Familie die Person, die es wagte die Probleme zu benennen, werden ausgeschlossen und stehen vor einem riesen Trümmerhaufen. Aber auf dem können Sie dann wenigstens Ihr eigenes unabhängiges Leben aufbauen.