Donnerstag, September 20, 2007

Aufruf zu einer neuen Achse

Ich kann mich nicht an alles erinnern, was so passiert ist. Ich kann mich viel besser an die Dinge erinnern, die nicht passiert sind. Weil die Dinge, die hätten passieren können, viel großartiger sind als die Dinge, die geschehen sind. Völkerverständigung zum Beispiel.

Diese Woche war ich zwei Tage in Berlin, und wenn man sich dort als aus-München-kommend outet, erntet man eigentlich immer einen Monolog über die Unterschiede der beiden Städte. Der Berliner beendet sein mitgehörtes Selbstgespräch regelmäßig mit den Worten, dass Berlin ihm besser gefalle, weil es einfach ehrlicher sei.

Ich verkneife mir an dieser Stelle gern ein Schmunzeln und wackle stattdessen mit dem Kopf. Nach vorne und hinten, und ein bisschen seitwärts. Dabei denke ich dann aber, hui, diese naive Ignoranz, die ist jedenfalls in beiden Städten gleich ausgeprägt. Denn wo bitteschön ist Berlin denn ehrlicher? Gluckert die Spree ehrlicher als die Isar? Geben die Kaffeetanten das Wechselgeld exakter zurück? Grölen die Besoffenen auf dem Ku´damm mehr Wahrheiten als die Kinder in der Münchner Fußgängerzone? Sind die Biergärten am Stiglmayrplatz irgendwie verlogener als die In-Clubs in Mitte?

Vermutlich ist gemeint, dass der gemeine Münchner meist mehr Geld zur Schau stellt als der in der Regel arbeitslose oder mit der Arbeitslosenverwaltung beschäftigte Berliner. Zum einen gilt das aber nur für einen bestimmten Teil der Innenstadt, denn es gibt auch in München Außenbezirke, da weiß keiner so genau, ob er seine nächste Miete noch bezahlen kann. Zum anderen zeigt auch Berlin sich an der einen oder anderen Stelle mit wilhelminischen Protzbauten der schlimmsten Sorte. Aber selbst wenn, was ist denn an zur Schau gestelltem Reichtum unehrlicher als an zur Schau gestellter Unfreundlichkeit? Der typische Großstädter dürfte jedenfalls in beiden Wohnlandschaften mit den gleichen Schutzfunktionen und der gleichen Blasiertheit auf dem gleichen Neuroselevel ausgestattet sein. Ach ja, und auch mit der gleichen Arroganz.

Kommentare:

nora hat gesagt…

ich bin ja Berlinfan. Aber - stimmt. So schrecklich ist München gar nicht. Aber wie soll man auch verschiedene Länder miteinander vergleichen? (...)

Eines stimmt auf jeden Fall: der Lokalpatriotismus ist überall gleich suspekt.

MC Winkel hat gesagt…

Ich glaube, er meinte die Kultur.
Gruß
mc

nora hat gesagt…

Lokalpatriotismus verteidigt (angeblich so andere) Kultur (...)

danii hat gesagt…

wenn die berliner/münchner wüssten, wie ähnlich sie sich eigentlich sind...

die einen nennen es den münchner grant, die anderen die berliner schnauze. beides geht mir auf die nerven.

iPaul hat gesagt…

Na ja, was stört es die Eiche, wenn sich das Borstenvieh dran reibt...
Sydney ist am allergeilsten - Ehrlich!

nora hat gesagt…

Sydney ist eine tote Stadt. Zumindest der allseits so beliebte Hafen ist wie eine Filmstudiokulisse - glänzend, bunt und leer.

L9 hat gesagt…

Also ich hab ja viel mit Berlin zu tun - allerdings in unterschiedlichen "Szenen".

Mein berufliches Berlin ist eher verstaubt bis verbohrt, altmodisch und ab und an etwas hinterfotzig. Ehrlich? Nein.

Mein privates Berlin ist offen, innovativ, bunt, lustig, künstlerisch wertvoll. Ab und an beschleicht mich aber der Verdacht, dass es sich hierbei primär um zugereiste Exprovinzler handelt.

Bis auf Jörg Buttgereit. Der ist voll ok.

München ist zumindest für mich - genau andersrum.

eon hat gesagt…

a:
die berliner sind so fremdenfeindlich, dass lokalpatriotische dikussionen bereits auf häuserblockniveau geführt werden. da müssten sie erst mal eine ost-west-debatte erleben oder wenn es gegen das umlandvolk geht...

b:
das problem mit berlin ist, dass leute von außerhalb, die mal mitte, prenzlauer berg oder den friedrichshain gesehen haben, nur denken dass sie berlinern begegnet sind. die würde man eher in pankow, rudow, tegel, schmargendorf oder sonstwo da draußen finden. (na, wer hat sich da schon mal hin getraut?) die hochnäsigen, kaltschnäuzigen und überheblichen berlinmittebürger sind bestimmt oft leute, die hinzugereist sind und sich jetzt einen zentimeter über dem provinzstaub als weltstädter fühlen. kein wunder, dass da so ein bild entsteht.

c:
ohne diese leute, wäre berlin immernoch ein langweiliges scheißkaff, das nach juhnke, pfitzmann und diepgen stinkt.

d:
mir gefällt es hier sehr gut. ganz einfach weil ich ebenfalls ein arroganter, langweiliger, semikreativer, lokalpatriotischer, ja vor langer zeit sogar zugereister möchtegern-weltstädter bin, der sich lieber in einen flieger setzt um nach timbuktu zu reisen, als auch nur einen fuß auf märkischen boden zu setzen. so ist das.

F hat gesagt…

Hui. Genau für sowas habe ich den Beitrag geschrieben.

F hat gesagt…

L9, haben Sie ein privates München kennengelernt?