Dienstag, Dezember 22, 2009

Der Kindergarten ist tot, es lebe der Kindergarten

So, Nachtrag. Anbei ein Schreiben, das gewirkt hat; der Kindergarten hat nicht auf die dreimonatige Kündigungsfrist bestanden:


Fristlose Kündigung


Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit kündigen wir den Betreuungsvertrag vom [...] mit Ihnen außerordentlich und ohne Frist aus wichtigem Grund gemäß §§ 314, 313 BGB. Es liegt eine Vernachlässigung und/oder Gefährdung des zu betreuuenden Kindes in seinem geistigen, seelischen und leiblichen Wohl vor. Eine vorgängige Abmahnung ist vorliegend obsolet, da nicht zu erwarten ist, dass sich die Verhältnisse bessern und das Vertrauensverhältnis bereits so gestört ist, dass wir nicht bereit sind, eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der Tagesstätte und damit weitere negative Wirkungen auf unser Kind in Betracht zu ziehen.


Gleichzeitig widerrufen wir alle gegebenen Einwilligungserklärungen und Ermächtigungen zu sofort. Die Essensbestellung kann ebenso gestoppt werden, da unser Kind nicht in die Kindertagesstätte zurückkehren wird. Hilfsweise gilt die Kündigung zum nächstmöglichen Zeitpunkt.


Bereits die Eingewöhnung in Ihrer Tagesstätte entsprach nicht den Verkündungen in Ihrem Konzeptionsprospekt, der Teil des Vertrages ist. Statt eine individuelle Eingewöhnung zu gewährleisten, was für ein ungestörtes Verhältnis zu dem neuen Ort sehr wichtig gewesen wäre, wurde das Kind bereits am ersten Tag weinend allein gelassen. Das Kind hatte keinen Ansprechpartner. Am zweiten Tag wurde der erziehungsberechtigten Mutter ohne Vorwarnung das Kind entrissen, und als es daraufhin verständlicherweise wütend weinte, wurde ihm auch noch das Essen weggenommen. Dies allein hätte uns Warnung genug sein sollen, dass das vorgebliche pädagogische Ziel, die intellektuelle und gefühlsmäßige Entwicklung des Kindes, nicht im Fordergrund der Bemühungen steht. Denn eine ordentliche Entwicklung kann nur über eine vernünftige Beziehung zu dem Kind funktionieren, um die jedoch keine Bemühungen sichtbar wurden. Wir ließen uns jedoch vorläufig einschüchtern und wollten erstmal schauen, wie es sich entwickelt.


Leider stellte sich heraus, dass dieser Stil nicht nur beibehalten, sondern der Druck auf Kind und Eltern ständig erhöht wurde. Das Hauptproblem sahen die Erzieher darin, dass das Kind noch nicht gänzlich trocken ist, was uns gegenüber ständig und mit zunehmender Heftigkeit – vor dem Kind - kritisiert wurde. Das Kind wurde mehr und mehr eingeschüchtert. Wenn sie in die Hose gemacht hatte, wurde mit ihr geschimpft, es wurde Druck aufgebaut. In letzter Zeit gipfelte diese Entwicklung darin, dass das Kind öfter mit stark gerötetem Genitalbereich nach Hause kam, was nach Aussage eines Fachmannes den Schluss zulassen kann, dass sie teilweise für längere Zeit in nasser Hose belassen wurde, nach unserer Vermutung als Strafe oder um Druck auszuüben.


Solch ein Verhalten muss von uns nicht hingenommen werden. Es liegen mehrere Studien vor, dass es eine Frage der Hirnreifung darstellt, ob ein Kind seine Abgänge kontrollieren kann oder nicht. Druck ist an dieser Stelle kontraproduktiv und schädlich, da hier eine nicht wünschenswerte Außenkontrolle über Dinge erschaffen wird, die in den Bereich der Eigenkontrolle gehören, um gesund zu funktionieren.


Dass dies schadet, zeigt sich bereits bei unserem Kind: Das Betreuungspersonal hat nach unserem Eindruck sein Verhalten so zugespitzt, dass das, was anfangs noch leidlich geklappt hat, nunmehr gar nicht mehr funktioniert. Die ansteigende Wut des Personals auf das „nicht funktionierende“ Kind war in den letzten Tagen beim Abholen für uns greifbar, uns wurden sogar mit Lautstärke – vor dem Kind – Vorwürfe hinsichtlich unserer Erziehung gemacht. Außerdem wirkt das Kind bedrückt und verunsichert und findet es nun jedes Mal schlimm, wenn sie in die Hose macht. Das schauen wir uns nicht weiter an. Allein aus diesem Grund ist eine fristlose Kündigung durch uns bereits zulässig und begründet. Wir behalten uns überdies weitere Ersatzansprüche vor.


Aber auch auf anderen Gebieten ist ein für unser Kind schädliches Verhalten des Personals erkennbar. Völlig diametral zu den Aussagen in Ihrem Prospekt gibt es kein erkennbares Eingehen auf das Kind, keine individuelle Beschäftigung mit der Person. Beispielsweise werden Dinge aufgezwängt, ohne die Entwicklungsphysiologie des Kindes zu berücksichtigen. Ein Beispiel dafür ist, dass nur eine Stifthaltung beim Malen zulässig ist.


Es gibt keine Infos an uns Eltern, keine Laufzettel, auf Nachfrage maximal allgemeine Floskeln. Dies widerspricht Ihren Ausführungen, die Aufgaben würden in enger Zusammenarbeit mit den Personensorgeberechtigten wahrgenommen.


Wir haben zweimal beim Abholen miterlebt, wie das Kind von einer Erzieherin nachgeäfft wurde. Wir mussten mitbekommen, wie sich über ihre Äußerungen lustig gemacht wurde, was das Kind sichtbar gekränkt hat. Wir haben gesehen, dass unser Kind voller Stolz ein Bild vorzeigt, und vom Personal – obwohl sonst nichts zu tun - ignoriert wird. Wir erleben fast täglich, dass die Mitarbeiter sich untereinander unterhalten und das Kind ratlos daneben steht und behandelt wird, als sei es unwichtig bzw. gar nicht da. Keine Spur von liebevoller Atmosphäre, in der sich ein Kind geborgen oder zumindest gut aufgehoben fühlen kann. Im Gegenteil wird mit Äußerungen gearbeitet, die das Kind verwirren und verunsichern, wie beispielsweise „du musst mal zum Ohrenarzt“. Wenn das Kind nicht sofort gehorcht, was in diesem Alter normal sein dürfte – und das ist alles andere als ein schwieriges Kind -, wird mit schlechtem Gewissen und Drohungen gearbeitet, wie „du darfst bald nicht mehr in den Kindergarten gehen“. Dieses Angebot an unser Kind nehmen wir nunmehr an.


Letzte Woche nun bekamen wir beim Abholen des Kindes auf die Frage, wo es sei, zur Antwort „keine Ahnung“. Vor dem Hintergrund, dass bereits seit geraumer Zeit die elektrische Türschließe zur Straße nicht funktioniert und jeder in dem Gebäude rein und raus kann, eine haarsträubende Äußerung. Nach unserem Eindruck ist nicht einmal die einfachste Sicherheit für unser Kind gegeben.


Wir erleben jeden Morgen, dass das Kind versucht, allen Mut zusammenzunehmen, um in Ihre Einrichtung zu gehen, da sie gern mit anderen Kindern spielt und nach ihrem Verständnis gern ein gutes Kindergartenkind sein möchte. Das offene, fröhliche, unbekümmerte Kind, das wir kannten, haben wir allerdings nicht mehr gesehen, seit sie in Ihre Hände gekommen ist. Die für uns offenbare Linie, Hauptsache, das Kind macht keine Arbeit und wir haben unsere Ruhe, ist nicht akzeptabel und kann auch Ihrem im Prospekt verkauften Anspruch nicht genügen. Für uns ist mithin jede Geschäftsgrundlage entfallen.


Wir werden in den nächsten Tagen die Sachen abholen. Sie können diese aber selbstverständlich auch zuschicken.


Mit freundlichen Grüßen

Kommentare:

MC Winkel hat gesagt…

Oh. Mein. Gott!
Was war denn da los?!?!?

Da ist doch mehr als nur eine Kündigung drin, oder? Wirklich zu krass...

Für die Zukunft alles Gute!

quadratmeter hat gesagt…

Ein schöner Brief! Und wie lautet nun die Alternative?

F hat gesagt…

Die Alternative ergab sich ganz kurzfristig.

amidelanuit hat gesagt…

gut gebrüllt, löwe!


ansonsten: wow. mit ihnen möchte ich mich nicht anlegen müssen....da legt man ja schon als unbeteiligte die ohren an :)

Geertje hat gesagt…

Ich fand über Frau Amis Blog zu Ihnen.

Würde behaupten, durchaus eine Begabung für das Schreiben von (Beschwerde-/Wut-) und auch netten Briefen zu haben. Dieser ist gut. Allerdings ist das eine Bewertung, die man gar nicht treffen möchte, weil der gezahlte Preis dafür so hoch ist. Und ich wage die Behauptung, dass er keinen Erkenntnisprozess in Gang setzen wird. Bei so viel Ignoranz bekomme ich selbst in der Ferne Puls. Ich bin keine Hätschelmama, aber das ist einfach nur widerlich. Trotzdem gut, DASS Sie das zu Papier gebracht haben. Vielleicht müssen die Damen das in den Unterlagen dokumentieren. Wenigstens die Leiterin muss es lesen. Zum Verstehen mag es ein unüberwindbar weiter Schritt sein...

Ich fürchte, ein anderes Elternpaar freut sich, über den frei gewordenen Platz...

Für Ihre Tochter wünsche ich Ihnen alles Gute. Dass Sie es nun besser getroffen hat und deshalb bald wieder Sicherheit und Vertrauen wachsen können.

Chris hat gesagt…

*ufffff*

Bitte geben Sie das Schreiben in Kopie auch an den Träger der Einrichtung bzw. an andere öffentliche Stellen, nicht nur an die Leitung.

Ich kam auch über Frau Ami hierher und mir stellt's grad die Nackenhaare senkrecht... - und auch ich bin sicher keine übergluckige Mutter.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Schreiben wirklich einen Denkprozess auslöst und Ihrem Kind, dass es ab jetzt eine unbeschwerte Kindergartenzeit genießen kann.

Alles Liebe
Chris

Anonym hat gesagt…

Das klingt alles sehr erschreckend!
Ich hoffe, ihr findet einen passenden Kindergartenplatz wo euer Kind in einer respektvollen, behüteten Atmosphäre aufwachsen kann.

Viele Grüße,
Melanie

rebis hat gesagt…

Oh Gott, das klingt schon beim Lesen grausam. Psychische Verletzung, anders kann man das alles nicht nennen.
Ich wünsche Euch, dass Eure Tochter diese Erlebnisse gut wird verarbeiten können, und Ihr auch.
Liebe Grüße
Uta
(die auch einmal ihren Sohn stehenden Fußes aus einem Kindergarten mitgenommen hat, als uns klar wurde, wie es dort läuft - und lieber ihre Arbeit gekündigt hätte als ihm DAS anzutun)

Sigrid hat gesagt…

Ich fand über Ami hierher und stelle wieder einmal fest, dass wir es sehr gut mit unserem Kindergarten getroffen haben.
Da stellen sich mir wirklich alle Nackenhaare auf.
Auf jeden Fall sollte dieser Brief auch an den Träger gehen!

Superhoschi hat gesagt…

Erschütternd!
Und ohne dabei gewesen zu sein: Richtiger Schritt!
Derlei Zustände sollten auch der zuständigen Aufsichtsbehörde bekanntgegeben werden.

F hat gesagt…

Ami, Streiten ist mein Beruf.

Geertje, ja, eigentlich wollte ich erst nur einen Satz schreiben in dem Wissen, die ändern ja eh nichts. Und ich bin auch nicht so der Typ, der sonst alles ausdiskutieren oder rauslassen muss. Aber Wut tut gut. Und ich wollte nicht drei Monate weiter zahlen.

Chris, ob der kirchliche Träger darauf anspringt, glaube ich nach meinen Erfahrungen mit solchen Institutionen eher nicht. Bei der Stadt hätte das anders ausgesehen. Hätte der Kindergarten zurückgefeuert, hätte ich eskaliert, aber so lasse ich es auf sich beruhen. Sonst hätte ich eher früher das Gespräch suchen müssen.

Melanie, wir haben über Kathrin einen tollen Platz gefunden.

Uta, sie verarbeitet jeden Tag ein bisschen. Das läuft ganz gut. Wichtig war vor allem, dass wir den Prozess so gestalten, dass sie sich nicht schuldig fühlt.

Sigrid, siehe Chris. Ich werde nicht nachtreten.

Hoschi, wir haben fast zu lange gewartet.

MC, schwer, einen Schaden zu beziffern oder nachzuweisen.

arnonym hat gesagt…

Bei Vernachlässigung des Kindes (und ein roter Hinter wegen lange nicht Windelwechseln zählt da schon zu) ist Grund für eine Klage und eine Kopie des Briefes nicht nur an den Träger, sondern auch an die zuständigen Behörden der Stadt. Und vielleicht den Kontakt zu anderen betroffenen Eltern suchen, dann kann es für den Kindergarten schnell _sehr_ eng werden. Sollte es zumindest, wenn das kein Einzelfall ist...

Ich bin ja nicht zimperlich im Umgang mit meinem Sohn, aber ich wäre da schon in der Eingewöhnungsphase ausgerastet und hätte beim zweiten oder dritten Tag den Schlussstrich gezogen.

F hat gesagt…

Wir dachten erst, wir wären zu zimperlich. Außerdem ist es in München nahezu unmöglich, innerhalb kurzer Zeit eine Alternative zu finden.

Blogolade hat gesagt…

Oh mein Gott, da gehen mir ja alle Nackenhaare hoch! Das ist echt schrecklich!
Gut, dass Sie was anderes gefunden haben und dieser Einrichtung den Rücken kehren können.

Es ist ein kirchlicher Träger? Ich würde die dennoch in Kenntnis setzen über die Unfähigkeit der Angestellten. Dort gibt es ja sicher noch mehr Kinder denen es vermutlich nicht viel besser ergeht.

tonni hat gesagt…

sehr grossartig!
wir sind in einer ähnlichen situation, haben aber erst ab sommer eine alternative.
würde ich das glück bekommen, eher wechseln zu können, werde ich mich an Sie erinnern. Und mir ein Herz fassen und eine ebensolche Kündigung schreiben.

Kira hat gesagt…

Ich bin sehr beeindruckt und beglückwünsche Sie zu Ihrer Konsequenz und Ihrer Klarheit.

Ich hoffe sehr, dass Ihr Schreiben zumindest innerhalb der Einrichtung für die ein oder andere Welle sorgt.

Und ich freue mich, dass Sie bereits einen besseren Platz für Ihre Tochter gefunden haben.

Alles Gute und ein viel besseres 2010, so kindergartentechnisch gesehen - Kira

Anonym hat gesagt…

Just want to say what a great blog you got here!
I've been around for quite a lot of time, but finally decided to show my appreciation of your work!

Thumbs up, and keep it going!

Cheers
Christian, iwspo.net