Montag, Juni 27, 2005

Kribbeln geht auch so.

Auf den gestrigen Abend hatte ich mich wirklich gefreut. Die ganz alten Freunde hatten sich angekündigt, die Sorte "Seit 20 Jahren", wir wollten über die Kieler Woche. Wohlfühl- und Gemeinsamkeitsgefühl garantiert, Tetra-Pak, wahrscheinlich eher nicht schön, sondern geil und laut. Dazu noch eine würzende Überraschung: Zwei neue Freundinnen, mitten in die Gruppe rein. Da freut man sich für die beiden gedoppelten, und wird freundlich schauen, wie die sich so schlagen, die neuen. Wir sind ja alle über dreissig, da wird es nicht so laufen wie mit 15.

Pustekuchen. Kaum da, Zunge in den Hals, kein Gespräch, kein Herankommen möglich. Gekicher. Herumalbern. "Ich mag keinen Rotwein, nur Süßen!" Abgekapselt. Ausgeblendet. Wand.

Bin ich neidisch? Okay, hab ich halt selbst Spaß, kauf ich mir ein Quarkbällchen oder zwei. Äh... Ihr seid müde? Gut. Ne, kein Problem. "Schön, Dich kennengelernt zu haben." Ist ja auch schon elf.

Und ab durch die Nacht.

Auf dem Heimweg taucht aus der Tiefe des ersten Gebrummels heraus aber unerwartet ein sehr schönes Gefühl auf und beisst sich fest. Dachte ich doch gelegentlich, ich würde dieses Kribbeln im Bauch vermissen, und sollte mich dringend mal wieder Hals-über-Kopf verlieben, so bin ich mir jetzt hingegen absolut sicher, dass ich es weniger als Normal-Null vermisse. Diese Unsicherheit, dieses Abtasten, dieses Karten-Ausspielen, Schlecht-Schlafen, Darstellen, dieses...komplizierte Kennenlernen. Ob meine Freunde das wirklich gut finden?

Ich bin glücklich.

Kribbeln geht auch so.

Kommentare:

texas-jim hat gesagt…

All meine Freunde von früher sind fest gebunden. Manche reden von Kindern.
Ich komme mit ihrem Tempo nicht mit, kann nicht mitreden, muß mir jeden Abend jemanden zum Ausgehen suchen.
Ich bin so nicht unbedingt glücklicher - aber auf Teufel komm raus und im Sauseschritt habe ich die Brüche in meiner Lebenslinie bisher immer verbockt.
Deshalb immer langsam.
Und ich suche noch einmal meine Wohnung nach der versteckten Kamera ab, die heute gefilmt hat, wie ich eine Hochzeitseinladung aus dem Briefkasten gefischt habe. "Fake!" schreit mein Selbstbetrugssinn, "Scheiße!" mein Herz, kreischend schrie die GPX meine Verzweiflung in die Luft. Und irgendjemand scheint zu wollen, daß ich diese Hochzeit auch erlebe und hebt dazu die Physik ab und an auf, die mich lieber um einen Baum gewickelt gesehen hätte.

"Leben: Scheiße.
Geht aber.
Muß gehn."
Die Unfähigkeit, Gedanken und Gefühle zu äußern rückt mittlerweile in der Liste der Dinge, die an meinem Herzinfarkt mitarbeiten, immer weiter vor. Vielleicht fange ich morgen damit an, und bringe jemanden um. Immerhin ist die Gefühlslage dann klar. Oder soll ich den Text der Hosen mit Blut an die Wand malen?

(Die Lage ist schließlich hoffnungslos, aber nicht ernst. (Karl Kraus?) )

F hat gesagt…

Das mit dem Fühlen und Rauslassen ist eine harte Schule. GPX aber wenig gute Ausdrucksmöglichkeit, da nur für Bäume. Kommt nicht da an, wo es gebraucht wird. ;-)