Donnerstag, Juli 27, 2006

Die dunkle Seite.

Derzeit schlafe ich auf der anderen Seite. Das Herz sitzt links, aber ich bin jetzt vorne. Nach vorne raus, denn da ist es nicht so warm. Und die Katzen im Hinterhof, die sich die Dauerrolligkeit mit beeindruckenden Babyschreiimitationen vertreiben, und sich gegenseitig Widerhaken unter die Haut jagen, höre ich da auch nicht. Bislang dachte ich auch, ich wohne in einer ruhigen Gegend. Aber schon die dritte Nacht in Folge gibt es heftige Ruhestörungen. Durch Tragödien.

Im Park vor meinem Fenster findet derzeit die größte Grillparty der Welt in einem innerstädtischen Wildvogelreservat statt. Dies bringt es wohl mit sich, dass sich alle duzen, wie von einem großen deutschen Satireblatt gefordert. Überwiegend Studenten, tagsüber zwischen zwei Standbesuchen gegen Studiengebühren demonstrierend, trinken und feiern im zugeschissenen Teichgebiet. Grillen Schwein I, Schwein II und Schwein III, pure Lust in Wurstpelle. Irgendjemand spielt immer Gitarre, Blowing in the Wind. Die erste Nacht fand gegen halb vier eine Straßenschlacht mit Pfandflaschen statt, die unter Gelächter auf dem Kopfsteinplaster klirrten. Die armen Flaschen. Mein Kopf klirrt heute immer noch leise, wenn ich nur die Augen kurz schließe.

In der nächsten Nacht, etwa um die gleiche Zeit, wurde Musik gemacht. Melodien wurden komponiert. Meisterwerke in einer Runde um den Park. Jemand trat meisterhaft gegen jedes dort parkende Auto, so dass eine Alarmanlage nach der anderen aufheulte, fiepte, tönte und quäkte. Und weil es so schön war, drehte der Komponist gleich noch eine zweite Runde, als ich gerade wieder eingeschlafen war.

In der letzten Nacht nun gab es Zoff. Zwei überrissene Stimmen, sie in hohem Hysterie-C, er in aggressivem Sparriton. Ein Streit, halbschlafend gefühlt etwa eine Stunde lang. Es ging um Unterhalt. Die pure Wut. Er wohl arbeitslos, trinkend, zahlt nicht. Ihre Kleine braucht neue Klamotten, und sie ist auch schon barfuß unterwegs. Aufstampfen geht trotzdem gut. Sie schreien sich an, werfen sich Beleidigungen an den Kopf, schrauben sich höher und höher im Hass. Der Ton wird immer schärfer, die Verletzungen explodieren, die Vorwürfe werden haltloser. Gleich gehen sie sich an die Gurgel, denke ich, erste Drohungen an Leib und Leben sind schon ausgetauscht. Ich robbe zum Fenster, versuche mit verklebten Augen, etwas zu sehen. Der Mond verweigert mir seit Tagen den Dienst, nur verhuschte Schatten sind erkennbar. Vielleicht sollte ich ja die Polizei rufen! Ach was, solche überreizten Beziehungskatastophen gibt es doch schon seit Jahren nicht mehr, du träumst, denke ich mir im Halbwach. Und so was kann dir doch nicht passieren, oder?

Nächste Nacht mache ich sicherheitshalber das Fenster zu.

18 Kommentare:

saxana hat gesagt…

Sympathisch, dass du - anstatt dich zu beschweren - einen schönen Text schreibst.

Anonym hat gesagt…

Es ist bei diesen Dramen meist ganz einfach, die beiden Streithähnchen, dazu zu bringen, wieder gemeinsame Sache zu machen. Lenken Sie dazu einfach den Hass der beiden auf sich.

Eine Möglichkeit ist z.B. auf die Straße zu gehen und zu den beiden zu sagen: "Hier hat jeder von euch nen Euro. Das dürfte das Problem wohl lösen. Und jetzt geht bitte nach Hause oder zumindest dorthin, wo ihr sonst so vor euch hin vegetiert."

Anonym hat gesagt…

Stimmt, eigenart, das funktioniert wirklich. Hab ich letzte WOche am eigenen Leib erfahren als ich den Saufprollnachbarn, der seine Liebste vermöbelte, morgens um 6 durchs Fenster anpöbelte.Schon war ein Feindbild geschaffen und beide waren wütend auf mich.

Und ausserdem gilt immer noch die alte Weisheit:
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
[schöner Text, Herr f]

Fräulein Wunder hat gesagt…

ich glaube, nach der dritten Nacht in Folge ohne Schlaf wäre ich halb wahnsinnig. und nicht mehr in der lage, solche texte zu schreiben!

Anonym hat gesagt…

Das ist jetzt aber nicht der Grillplatz, von dem Du anderorts berichtet hast?

F hat gesagt…

Saxana, Pöbeln überlassen wir lieber den Pöbelbloggern.

Eigenart, zum Thema Arroganz siehe unten.

Bee, [ich versuche ab sofort Lob auch anzunehmen].

Fräulein Wunder, ich schlafe seit sieben Wochen nicht. Solche Texte kann man nur wahnsinnig schreiben.

Ebola, *grübel* ich hab die Übersicht verloren.

Anonym hat gesagt…

Ich meinte Deinen letzten Kommentar bei Lu.

Anonym hat gesagt…

Ach, wie schön dass ich am Stadtrand wohne und nachts gelegentlich nur das Schnarchen meines Mannes höre.

Anonym hat gesagt…

also ich schlafe ja auch seit ein paar nächten nicht mehr und bin doch etwas neidisch, was ihne da so geboten wird kleines f. ich höre nachts kühe muhen und wildgänse schnattern. das wars. und das ist mal öde, sach ich ihnen!

F hat gesagt…

Ebola, sorry, hab ich jetzt erst verstanden - ne, keine Sorge.

Robby, da möcht man glatt tauschen - obwohl?!

Ami, ich schau mir auch grad so nen Häuschen an.

Anonym hat gesagt…

da bin ich doch froh daß ich da wohne wo und und katz sich gute nacht sagen.... ruhe sanft schoki.

Anonym hat gesagt…

hund und katz meine ich na klar... shit, wohl doch auch unausgeschlafen! gähn!

daniela hat gesagt…

Die eng zusammenstehenden Hausschluchten im Knooper Weg in der Nähe des Vogelparks sind ebenfalls als guter Resonanzkörper für Gesang oder tiefschürfende Gespräche entdeckt worden, ca. von elf Uhr in der Nacht bis morgens um fünf. Derzeitiges Highlight:

Eine Gruppe junger (?) Männer, die in der gestrigen Nacht "Alle die mit uns auf Kaperfahrt" intonierten, auch gar nicht mal so schlecht, aber nach Mitternacht kein Schlaflied, im Gegenteil.

F hat gesagt…

Der Knooper Weg hat einen Vogelpark?

daniela hat gesagt…

Na,der Schrevenpark ist ja nur nen Steinwurf entfernt, und der ist doch überfüllt mit den schrägsten Wasservögeln, teilweise natürlich entstandenen Kreuzungen, die kein Ornithologe von anderswo kennt.

Anonym hat gesagt…

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