Samstag, August 19, 2006

Nach dem Grillen.

Ich sitze auf dem Balkon. Im Dunkeln. Nur ein flackerndes Teelicht beleuchtet schemenhaft mein Gesicht. Ich duke mich in eine Schattenecke. Die junge Frau im hell erleuchteten Fenster gegenüber hat sich gerade die Haare aufgemacht. Extra für mich. Sie sitzt am Laptop, dreht ihre Haare mit den Fingern auf. Proteinspiralen. Ich gucke gespannt. Mein Rücken streckt sich wie eine Bogensehne. Die Füße schwitzen. Meine Knie scharren aneinander. Trotz der Hitze bildet sich Gänsehaut. Die blutige Haut des Jägers. Was sie wohl macht? Wenn wir jetzt in einem Film stecken würden, könnte ich ihr eine Email schicken. Aus der Dunkelheit ins Licht. Sie würde Lächeln und Erröten, wie das Bild hinter ihr. Ich glotze. Ich stelle mir ihre Nackenhaare vor. Halt, einen Schritt zu weit. Es ist schwülwarm, der Schweiß rinnt mir über die Brust in die Hose, unter den Armen heraus in den Rücken, aus den Mundwinkeln. Ich sollte mir ein T-Shirt anziehen, Warzenindeckung. Die Geranien geben mir Feuerschutz. Sie schaut kurz auf, schlägt ihren Kopf hin und her. Sie wirkt nervös, fast verhuscht. Hat sie mich gesehen? Sie blinzelt. Vielleicht ist sie kurzsichtig. Ich puste das Teelicht aus. Und verrate mich vermutlich endgültig, der alte Voyeursack da hinten auf dem Balkon. Sie lächelt und starrt wissend auf ihren Bildschirm. Ich komme mir albern vor.

Ich schaue in die Dunkelheit und suche ein anderes Fenster. Eine alte Frau beim Abwaschen, gekrümmt. Was erwartet sie noch? Die Hitze lastet auf ihren Schultern wie das Leben. Ich pule mir die Brandblase unter dem Fuß auf. Die mir sagte, ich sollte kleinere Schritte machen. Ein anderes Fenster ist plötzlich grell erleuchtet. Ein streitendes Pärchen, man hört´s bis hier rüber. Sogar der Klavierspieler wechselt von Klassik zu Unknown Stuntman. And Clint Eastwood looks so fine.

Ich schaue zurück in das erste Fenster. Die Kleine ist weg. Das Laptop verwaist, das Licht gedimmt. Irgendwo hinten im Zimmer springt jemand rum. Ärger mit Mücken? Ein nächtlicher Überfall? Ich geh rüber und helfe ihr. Nein. Bestimmt nicht. Ich, der Glotzer von Gegenüber. Ach, ihr Freund. Na so ein Glück. Entspannung fräst sich in meine Mundwinkel. Ich zünde mir noch eine Zigarette an und glimme mich in die Nacht.

Kommentare:

saxana hat gesagt…

Na toll, schöner als fernsehen.

daniela hat gesagt…

Ich seh sowas alles ja gar nicht mehr, doch wenn ich die eine oder andere gesellige Runde zu Besuch habe, erfreut sich die nachbarliche Peepshow großer Beliebtheit.

kein einzelfall hat gesagt…

Fenster zum Hof oder Die Fortsetzung von Hitchcock mit anderen Mitteln.

Anonym hat gesagt…

Ist ihr Teleskop kaputt?

Fräulein Wunder hat gesagt…

Hilfe, dich als Nachbarn - Psychoooo! :)

nina hat gesagt…

ähm, also wo genau wohnst du?
nur dass ich nicht in deine nähe ziehe.. ;)

nina hat gesagt…

jetzt hab ich sie schon wieder geduzt. tschuldigung herr f.

Anonym hat gesagt…

in jeden von uns steckt ein kleiner voyeur (schreibt man das so?)

Mimi hat gesagt…

Ach DU warst das? Mein Gegenüber... hm, als ich dann etwas später im Dunkeln auf dem Balkon saß, hab ich mich gefragt ob du immer abends duschst:-))

F hat gesagt…

Ich weise rein hilfsweise und sicherheitshalber darauf hin, dass nicht alles hier Geschriebene auf realen Tatsachen beruht.