Montag, Juni 11, 2007

Ohne Meer Horror (Arbeitstitel)

Ich stehe unter der Dusche und drehe heißer und heißer - ich spüre nichts. Ich kneife mir ins Gesicht und wundere mich, wer da mir was tut. Das Kind schreit in seinem Bett lauter und lauter - ein dumpfes Geräusch frisst sich seine Bahn vom Ohr zum Gehirn, und bleibt doch stecken. Irgendjemand knallt mir die flache Hand auf den nackten Hintern. Ich erinnere mich an den Hintern und dunkel, dass ich einmal gelebt habe. Ich lächle milde.

A nice place to be, the place of places, place of the year, placeplace analog zum FilmFilm, place of Kuscheldidu, the place on earth, place before time, golden place of midsummer, das war München dieses Wochenende für mich

nicht.

Eltern und Schwiegereltern waren zu Besuch beim ersten Geburtstag der Kleinen. Extra aus Dänemark nach Italien München angereist. Es gab den allerbesten Nusskuchen, Luftballons überall, Cappuccini maestri, Omaküsse und Geschenke. Nicht irgendwelche Geschenke natürlich, nichts was sinnlos blinkt und piept, alles augenscheinlich funktionell und dem Wohle des Kindes förderlich. Davon würde ich gerne reden, wäre es dann sicherlich ein ersprießlicher Nachmittag mit hellem Glockengeläut. Doch die Zwischentöne, die Zwischentöne waren schief. Genauer gesagt:

Gladiatorenkämpfe im Alten Rom waren gegen diese Grausamkeiten ein Spaziergang mit offenem Visier. Zwar hatte ich im Vorfeld meine Erwartungen gedämpft und auch die eine oder andere Strategie zurechtgelegt, um mögliche Schwelbrände gleich im Vorfeld zu ersticken und die Meinen vor Brandmalen zu schützen. Ich war aber - das ist aus der Rückschau klar - auf die zur Durchzündung entschlossenen, achtarmigen, backdraftspezialisierten Brandstifter schlechter vorbereitet als die Polizei auf G8. Hätte ich die Bedeutung dieses Kindergeburtstages für die Familie und den damit einhergehenden Krieg um Ansehen und Macht auch nur annähernd richtig eingeschätzt, ich könnte noch leben. Ebenso meine getreuen Gefolgsleute, der Esel "Muli" und der Fuchs "Fuchsi", beide jetzt bald über 35 Jahre an meiner Seite, seit Sonntag wieder gemeinsam streitend und auch gleich gemeinsam gefallen.

Ich habe gerade gelbe Kopfschmerzen. Ich erwäge deshalb, die Ereignisse für immer im Nähkästchen der Unwägbarkeiten im Fach "Jeder hat sein Päckchen" verschwinden zu lassen und, damit das Ganze nicht so sehr auffällt, die Szenerie mit einem netten Liedchen zu übermalen, dass kraftvoll die Ohren und Sinne für alles Andere für immer und heute verschließen mag:

And, all I want is for you to be happy
And, take this moment to make you my family
And, finally you have found something perfect
And, finally you have found

In der Mittagspause steckte nun aber ein Vorstandsmitglied seinen Kopf in mein Büro, erblickte zwangsläufig mich, stieß einen Brummton aus und verschwand wieder. Mir so einen Brummton anzumanierieren, damit könnte ich mich locker bis zum Lebensende beschäftigen. Hat mich sehr motiviert. Der tägliche, reine Wahnsinn.

Vitamin D. Damit fing es an. Leise knisterte der fröhliche Funke des Vitamin D, viel zu lange unerkannt. Ich gebe es unser Tochter nämlich nicht, bei der Sonne, die bekanntlich Vitamin-D-Eigenproduktion in der Haut anregt. Mutter aber, immer schon stillgestanden in der Armee der Industrie- und Arztgläubigen, gab auf meine Antwort ein Zischeln von sich, das ich als Zündfunke hätte erkennen müssen. Wenn ich nur vorher vom Phänomen der Selbstentzündung gewusst hätte. Mengen von Stroh, die schon darauf brannten, Sätze wie "ich habe schließlich zwei Jungen großgezogen" oder "sag mal Oma, sag mal Oma, sag mal Oma, sag mal Oma, Oma, Oma, sag mal Oma, Oma, Oma, sag mal Oma, sag mal OOOOOOmaaaaaaa, Oma!" abzufackeln.

Meine Kopfschmerzen nehmen zu, changieren, prunken, irisieren, schillern, glänzen, leuchten schon in leichtem Purpur, ich muss später weiterschreiben.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das hört sich nach einer Menge Spaß an :-D

Anonym hat gesagt…

Sorry, dass ich weiter unte so doof gefragt habe. Ich lese es gerade.

Ouha!

Mein Mitleid!

Gelb ist immer fies. Nur blaugelb ist noch fieser.

Anonym hat gesagt…

Immerhin hat die Lütte kein Handy geschenkt bekommen .-)
Glückwunsch dennoch! Und gute Besserung ...

F hat gesagt…

Schroeder, doch, hat sie. Aber wir haben es zurückgegeben. D. h., nach dem ersten Verschenken des Blink-und-Quietschtönehorrors die Liebste, und kurze Zeit später, nachdem es nochmal heimlich verschenkt wurde, ich nochmal.

Anonym hat gesagt…

oh gott wie ich mit ihnen fühle....mich rettete letzte woche das aortenaneurysma meines onkels-sonst auch hier-selbstentzündung deluxe....

kein einzelfall hat gesagt…

Die heutige Wikipedia-Startseite solidarisiert sich unter "Schon gewusst?" mit Ihnen:

Nachdem André Bloch im Alter von 24 Jahren drei Familienmitglieder erschlagen hatte, arbeitete er in der Psychiatrie bis zu seinem Tod als ausgezeichneter Mathematiker.

Anonym hat gesagt…

Und man braucht die Vigantoletten (oder welches Vitamin-D-Präparat auch immer) eigentlich *wirklich* nur im Winter.

hühnerschreck hat gesagt…

Familienzusammenkünfte dieser Art sind die Pest in Tüten. Habe kürzlich eine Hochzeit überlebt und - ähh, ja. So ähnlich.

Wünsche daher gute Besserung und schicke Energie und Ruhe *bzzzzzzzzzzz*

Der Hühnerschreck